2 SET search_path TO :"schema";
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11 'In Peace with Pace - der schmale Grat zwischen verballern und doch nur 95%',
13 'Optimales Pacing ohne zu überziehen und dennoch alles gegeben zu haben.',
14 '# In Peace with Pace: Der schmale Grat zwischen „nicht alles gegeben“ und „voll verzockt“
17 ## Warum sich fast niemand nach einer Langdistanz perfekt gepaced fühlt
20 Du kommst ins Ziel eines Ironman, einer Mitteldistanz oder eines Marathons.
23 Und dann beginnt das Kopfkino.
26 War ich zu vorsichtig? Hätte ich früher attackieren sollen? Warum konnte ich auf den letzten Kilometern noch beschleunigen? Habe ich heute vielleicht Zeit liegen lassen?
29 Oder genau andersherum:
32 Warum bin ich auf den letzten 10 Kilometern explodiert? Weshalb fühlten sich die Beine plötzlich an wie Beton? Wie konnte sich mein Marathon von „läuft heute richtig gut“ zu „bitte nur noch ankommen“ entwickeln?
35 Das Dilemma des Pacings ist brutal: Die perfekte Renneinteilung erkennt man meist erst im Nachhinein – und selbst dann nicht immer.
38 ## Das Paradox des guten Pacings
41 Viele Athleten glauben, ein gutes Rennen müsse sich so anfühlen, als hätten sie wirklich alles gegeben.
44 Doch genau darin liegt die Falle.
47 Wenn du bereits nach der Hälfte des Marathons oder nach 120 Kilometern auf dem Rad das Gefühl hast, alles zu geben, dann bist du wahrscheinlich zu schnell unterwegs.
50 Erfolgreiches Pacing fühlt sich lange Zeit unspektakulär an.
59 Und genau deshalb zweifeln viele Athleten unterwegs an ihrem Tempo.
65 „Heute läuft es doch gut. Da geht noch mehr.“
68 Der Körper antwortet oft erst eine Stunde später.
71 ## Warum die meisten Rennen positiv gesplittet werden
74 Die Forschung zeigt seit Jahren ein klares Bild:
77 Die meisten Marathonläufer und Ironman-Finisher werden im Verlauf des Rennens langsamer.
80 Sportwissenschaftler sprechen von einem "positiven Split": Die zweite Hälfte wird langsamer absolviert als die erste. Bei Analysen von Ironman-Wettkämpfen zeigte sich sogar bei Eliteathleten überwiegend ein kontinuierlicher Geschwindigkeitsverlust sowohl auf dem Rad als auch im Marathon.
83 Das ist kein Zeichen von Schwäche.
89 Glykogenspeicher leeren sich, die Muskelermüdung steigt, die Thermoregulation wird schwieriger und die neuromuskuläre Effizienz nimmt ab.
92 Die eigentliche Frage lautet daher nicht:
95 „Werde ich langsamer?“
101 „Wie wenig werde ich langsamer?“
104 ## Der Mythos des negativen Splits
107 Kaum ein Konzept wird im Ausdauersport so romantisiert wie der negative Split.
113 Die erste Hälfte kontrolliert laufen, die zweite Hälfte schneller.
116 In der Theorie klingt das genial.
119 In der Praxis gelingt es erstaunlich selten.
122 Selbst bei großen Marathonveranstaltungen läuft die Mehrheit der Teilnehmer positive Splits. Analysen großer Marathonfelder zeigen, dass echte negative Splits eher die Ausnahme als die Regel sind.
128 Weil ein negativer Split enorme Disziplin erfordert.
131 Man muss am Anfang bewusst langsamer laufen als sich das aktuelle Gefühl erlaubt.
134 Und genau das widerspricht der menschlichen Natur.
137 Adrenalin, Zuschauer, frische Beine und Rennfieber verleiten fast immer dazu, schneller anzulaufen.
140 #### Wer schafft überhaupt einen negativen Split?
143 Interessanterweise sind es oft zwei Gruppen:
146 ##### Die absolute Weltklasse
149 Eliteathleten verfügen über ein außergewöhnlich präzises Belastungsgefühl.
152 Sie bewegen sich extrem nahe an ihrer physiologischen Leistungsgrenze, ohne sie zu überschreiten.
155 Wenn dort ein negativer Split gelingt, dann häufig nur minimal.
158 Nicht fünf Minuten schneller.
161 Eher 30 bis 90 Sekunden.
164 ##### Die sehr disziplinierten Amateure
167 Auch ambitionierte Agegrouper schaffen gelegentlich negative Splits.
170 Allerdings meist deshalb, weil sie bewusst konservativ starten.
173 Der negative Split ist dann weniger Ausdruck einer perfekten Leistungsgrenze als vielmehr einer hervorragenden Renndisziplin.
176 ## Der gefährliche Grenzbereich
179 Die Wahrheit ist unbequem:
182 Das beste Rennen fühlt sich oft nicht perfekt an.
185 Wenn du im Ziel denkst:
188 „Vielleicht wäre noch etwas gegangen.“
191 Dann war dein Pacing möglicherweise hervorragend.
194 Denn Ausdauerwettkämpfe bestrafen Übermut deutlich stärker als Zurückhaltung.
197 Eine Minute zu schnell auf den ersten 10 Kilometern eines Marathons kann später zehn Minuten kosten.
200 Eine leicht konservative erste Rennhälfte kostet dagegen oft nur Sekunden.
203 Deshalb sprechen viele Trainer vom sogenannten asymmetrischen Risiko:
206 Zu schnell starten wird massiv bestraft.
209 Etwas zu langsam starten wird meist nur geringfügig bestraft.
212 ## Das perfekte Rennen existiert nicht
215 Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis überhaupt:
218 Pacing ist keine exakte Wissenschaft.
221 Wetter, Wind, Temperatur, Ernährung, Schlaf, Tagesform und Rennverlauf beeinflussen das Ergebnis.
224 Das perfekte Rennen gibt es nicht.
227 Es gibt nur die Fähigkeit, möglichst lange innerhalb der eigenen physiologischen Möglichkeiten zu bleiben.
230 Wer am Ende eines Ironman-Marathons noch beschleunigen kann, hat möglicherweise etwas Zeit liegen lassen.
233 Oder genau richtig gepaced.
236 Wer auf den letzten Kilometern leidet, hat möglicherweise alles herausgeholt.
239 Oder sich zuvor übernommen.
242 Der Unterschied ist oft überraschend klein.
245 ## In Peace with Pace
248 Vielleicht sollten wir unsere Rennen anders bewerten.
251 Nicht nach dem Gefühl, komplett leer gewesen zu sein.
254 Sondern nach der Qualität der Entscheidungen unterwegs.
257 Gutes Pacing bedeutet nicht, jede Reserve zu vernichten.
260 Gutes Pacing bedeutet, das Risiko des Scheiterns so zu managen, dass am Ende die bestmögliche Gesamtleistung entsteht.
263 Manchmal fühlt sich das nach einem Heldentod an.
266 Oft fühlt es sich eher an wie kontrollierte Zurückhaltung.
269 Und genau darin liegt die Kunst.
272 ## Quellen und weiterführende Literatur
275 #### Trainingswissenschaft & Grundlagen (DACH)
278 - Neumann, G. / Hottenrott, K. (Hrsg.)
280 **„Optimiertes Ausdauertraining“** (2020)
282 Meyer & Meyer Verlag.
284 → Sehr gutes Standardwerk zur Trainings- und Wettkampfsteuerung im Ausdauersport inkl. Belastungssteuerung und Pacing-Grundlagen.
289 **„Optimales Training“** (aktuelle Auflagen)
293 → Klassisches deutschsprachiges Trainingslehrbuch mit Grundlagen zu Ermüdung, Leistungssteuerung und Wettkampfgestaltung.
296 - Hollmann, W. / Hettinger, T.
298 **„Sportmedizin – Grundlagen für körperliche Aktivität, Training und Präventivmedizin“**
300 → Basiswerk der deutschen Sportmedizin, erklärt physiologische Limitierungen von Belastung.
303 #### Triathlon / Ausdauerpraxis im deutschsprachigen Raum
306 - Deutsche Triathlon Union (DTU)
308 **Trainings- und Wettkampfempfehlungen für Ausdauersportler**
310 https://www.triathlondeutschland.de
312 → Praxisnahe Einordnung von Renneinteilung, Belastungssteuerung und Ironman-Distanz.
315 - triathlon-szene.de (Andreas Raelert / Arne Dyck / Autorenkollektiv)
317 **Artikel und Analysen zu Pacing, Ironman-Strategien und Renneinteilung**
319 https://www.triathlon-szene.de
321 → Sehr gute praxisnahe deutschsprachige Analysen aus Coaching- und Athletenperspektive.
324 #### Leistungsdiagnostik & Coaching-Praxis (DACH)
327 - Hottenrott, K. / Neumann, G. / Zinner, C. (versch. Publikationen)
329 Arbeiten zur **Ausdauerleistungsdiagnostik und Wettkampfsteuerung**
331 → Fokus auf Belastungszonen, Laktatkinetik und pacingrelevante Steuerungsgrößen.
334 - Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp)
336 Forschungsberichte zu Ausdauerleistung, Ermüdung und Belastungssteuerung
342 #### Pacing im Ironman und Triathlon
345 - Angehrn, M., Rüst, C. A., Rosemann, T., Lepers, R. & Knechtle, B. (2016).
347 *Positive pacing strategies despite fast time-to-completion in elite Ironman triathletes.*
349 International Journal of Sports Physiology and Performance, 11(7), 882–889.
351 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27817192/
354 #### Pacing im Marathon
357 - Nikolaidis, P. T., Knechtle, B. et al. (2019).
359 *Pacing of Marathon and Half-Marathon Runners.*
361 Frontiers in Physiology, 10, 879.
363 https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6572072/
368 *Pacing Profiles and Pack Running at the IAAF World Half Marathon Championships.*
370 Journal of Sports Sciences, 34(12), 1189–1195.
376 - Grivas, G. V. (2025).
378 *The impact of negative split pacing on marathon performance: A narrative review.*
380 Frontiers in Physiology, 16.
382 https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fphys.2025.1639816/full
385 #### Übersichtsarbeiten zum Thema Pacing
388 - Renfree, A., Casado, A. & Santos-Concejero, J. (2024).
390 *Pacing strategies in marathon running: A systematic review.*
394 https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2405844024127910
397 - Abbiss, C. R. & Laursen, P. B. (2008).
399 *Describing and Understanding Pacing Strategies During Athletic Competition.*
401 Sports Medicine, 38(3), 239–252.
403 https://link.springer.com/article/10.2165/00007256-200838030-00004
406 #### Empfehlenswerte Bücher
409 - Fitzgerald, Matt (2022).
411 *How Bad Do You Want It? Mastering the Psychology of Mind over Muscle.*
414 - Fitzgerald, Matt (2016).
421 *The Triathletes Training Bible.*
424 #### Kernaussage der Literatur
427 Die wissenschaftliche Evidenz zeigt erstaunlich konsistent:
430 - Die meisten Athleten laufen oder fahren im Wettkampf einen **positiven Split**.
432 - Ein **negativer Split** ist möglich, aber deutlich seltener als viele glauben.
434 - Zu schnelles Anlaufen wird stärker bestraft als leicht konservatives Pacing.
436 - Die besten Wettkämpfe zeichnen sich meist durch einen möglichst geringen Leistungsabfall aus – nicht unbedingt durch einen negativen Split.
438 - Erfolgreiches Pacing ist weniger eine Frage von Mut als von Disziplin.
440 - Pacing wird als Teil der **Wettkampfsteuerung unter Ermüdung** verstanden
442 - Der Körper arbeitet im Ausdauerwettkampf immer in einem **nicht-linearen Ermüdungsprozess**
444 - Zu hohe Anfangsintensität führt überproportional zu Leistungsabfall (Glykogen + neuromuskuläre Fatigue)
446 - Konservative Renneinteilung ist in der Praxis häufig die „sicherere“ Strategie für Agegrouper
448 - Negative Splits gelten auch hier als **theoretisch optimal, praktisch selten realisiert**
454 Die meisten Athleten bereuen im Ziel, dass sie nicht mutiger waren. Die meisten Rennen werden aber nicht durch zu wenig Mut verloren, sondern durch 30 Watt zu viel auf den ersten 90 Kilometern oder 10 Sekunden pro Kilometer zu schnell auf den ersten 10 Laufkilometern.
459 NULL, NULL, NULL, NULL, NULL, NULL,
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